Liebes Gedichte 2017

Liebesgedichte 2017

Land in Sicht

Draußen prasselte der Regen gegen das dicke Glas des kleinen Bullauges. In Rinnsalen floss es das runde Glas hinunter und sammelte sich am Dichtungsring bevor es von dort die Bordwand hinab lief und sich viele Meter weiter unten mit den salzigen Wogen vermischte. Oben an Deck waren im vorderen und hinteren Bereich des Schiffes riesige Folien, die das Regenwasser auffingen und durch Filteranlagen in die großen Trinkwasserreservoirs leiteten.

Sehnsüchtig blickte 15/2060 hinaus in das neblige Grau ohne wirklich etwas zu sehen. Tatsächlich bot der Ausblick dem Auge keinerlei Abwechslung. Der heftige Regen und die aufgepeitschten Wellen vermischten sich mit der Gischt und am Horizont ging der wolkenverhangene Himmel in das Meer über.
Sie suchte die endlose Weite der See nicht ab. Sie blickte gedankenverloren nach innen. Was sie dort sah, konnte allerdings mit der Trostlosigkeit des Ausblicks vor dem Fenster ihrer Kajüte durchaus mithalten.

Seit sie denken konnte befand sie sich auf diesem Schiff, auf diesem Meer, in endloser Fahrt, in endlosem Stillstand, nicht enden wollender Monotonie. Sie wusste aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, dass es ein anderes Leben und ein Festland gegeben hatte vor der großen Flut. Dass auf diesem Land Pflanzen gewesen waren und Tiere. Und dass es ein Paradies gewesen sein musste. Zumindest im Vergleich zum Leben auf diesen rostigen Kahn, der zwar alles Lebensnotwendige zur Verfügung stellte, aber dennoch nicht lebenswert war. Pflanzen gab es auch hier auf dem Schiff. Aber sie waren ein so wertvolles Gut, dass sie sorgfältig hinter Schloss und Riegel verwahrt wurden.

Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte es hier auch Tiere gegeben. Ein paar Rinder, Schafe und Schweine. Aber das war lange her. Obwohl sie sich erfolgreich vermehren ließen, wurden sie doch recht bald abgeschafft. Ihre Haltung und Pflege war zu aufwendig gewesen. Der Anbau des Futters für die Tiere erforderte weit mehr Platz, Aufwand und Wasser als es die Umstände zuließen. An Bord war Effizienz das Wichtigste. Wasser war immer knapp und mit den Futterpflanzen konnte man die Menschen besser direkt versorgen.

Sie hatte als kleines Kind gesehen, wie mit diesen Lebewesen umgegangen wurde. Sie galten als lebende Vorräte. Dementsprechend emotionslos verlief Ihre Versorgung ab. Sie hatte in die Augen der Schafe und Rinder gesehen und irgendetwas in ihr sagte, dass diese Geschöpfe empfindsame Wesen waren wie sie selbst. Etwas tief in ihrem Innern sagte ihr, dass es falsch war, was hier mit ihnen geschah. Aber sie hatte die Worte nicht, um ihre Gedanken zu formulieren. Der Rest verbliebener Sprache reichte nicht um sich selbst ihre diffusen Empfindungen zu erklären, geschweige denn sie anderen mitzuteilen. So blieb es bei einem dumpfen Schmerz, der irgendwann trauriger Gewohnheit wich.

Nach der Schlachtung des letzten Viehs kamen die Ratten an Bord an die Reihe. Sie waren schlau und entzogen sich dem menschlichen Zugriff lang. Aber irgendwann hatten auch sie das Schiff verlassen. Seitdem bestand die einzige fleischliche Nahrung ausnahmslos aus Fisch.

Noch immer aber waren Jobs in der Gärtnerei hochangesehen und begehrt. Die Menschen hatten eine ihnen selbst unerklärliche Freude daran zu säen, zu ernten und gerieten regelrecht in Verzückung wenn sie die Pflänzchen wachsen sahen. Mit Hingabe widmeten sie sich ihnen und waren verstört, wenn eines einging.

Der Anbau wurde trotz aller Sorgfalt und Hingabe von Jahr zu Jahr beschwerlicher, da das bisschen zur Verfügung stehende Erde völlig ausgelaugt war. Düngemittel gab es seit Abschaffung der Tiere nicht mehr und pflanzlicher Humus fiel kaum an, da nahezu alle Pflanzenteile komplett der Ernährung der Menschen dienten. Es gab Gemüsesorten, die gediehen in Watte und Stoffresten, aber ihr Nährwert war gering. Wer in der Gärtnerei arbeiten durfte, der musste sich durch besondere Fürsorge und Verantwortung hervortun. Das Absterben von Pflanzen war eine kleine Katastrophe. Gärtner gehörten zu einer kleinen Minderheit, bei denen selbstständiges Denken in Grenzen gestattet war.

Es war 15/2060s Aufgabe das Gemüse abzuholen, in Kisten zu verpacken und dann in die Bordküche zu transportieren wo es ebenso sorgfältig gewaschen und zubereitet wurde. Die besseren Teile gingen sofort in die Eliteküche der Kommandozentrale, die weniger guten bleiben hier und nur die wenigen fasrigen und ungenießbaren Teile wanderten in den Kompost.

Liebe ist verboten

Um sie herum schienen die Menschen zu anderen tiefen Gefühlen und Empfindungen nicht fähig zu sein. Das Leben auf dem Schiff war in allen Einzelheiten streng reglementiert. Die Regeln wurden von der Kommandozentrale vorgegeben. Sie zu umgehen oder auch nur in Frage zu stellen konnte je nach Härte des Vergehens streng bestraft werden. Sie selbst hatte zusehen müssen, wie vor Jahren eine Frau nach einem öffentlichen Gerichtsverfahren über Bord geworfen wurde.

Unter Strafe gestellt wurde auch jede Form von Liebe. Denen die sie noch kannten wurde jedes Gespräch über die geschlechtliche Liebe verboten und Mutterliebe erübrigte sich schnell von selbst, da es schon bald keine Kinder mehr gab. Die Zahl der Babys orientierte sich streng an der Zahl der Toten. Auf zehn Verstorbene kam ein Neugeborenes. Woher sie aber kamen, wusste niemand.

Wer als Mensch an Bord bleiben durfte, bestimmte die Kommandobrücke. Wer nicht unmittelbar zu Angehörigen der Kommandobrücke gehörte, der hatte es schwer. Man musste einen Nutzen für die Gemeinschaft vorweisen. Die Ressourcen waren knapp und die Überbevölkerung an Bord wurde schon nach wenigen Monaten zum Problem.

Die Welt erleidet Schiffbruch

Jeder einzelne hier verdankte einem großen Zufall seinen Platz auf dem Schiff. Als die große Flut das Festland verschlang war der ehemalige Luxusliner auf hoher See. Beim Aufbruch der als Urlaub geplanten Reise hatte noch niemand vermutet, dass es eine Kreuzfahrt ohne Wiederkehr werden würde. Das Wasser stieg während sie sich auf offener See befunden hatten. Zwar war den Mitgliedern der Crew auf der Brücke schnell klar was passiert war, aber sie waren wie gelähmt und lange unfähig Mitteilung zu machen. Erst als sicher war, dass es keinen Sinn machte aus Rücksicht und um eine Panik zu verhindern die Situation zu verschweigen, riefen sie die Passagiere an Deck zusammen. Die ersten hatten eh längst vermutet, dass es zu einer „Unregelmäßigkeit“ gekommen war und dementsprechend beunruhigt. Als ihre vehementen Versuche eine Erklärung vom Kapitän zu bekommen ohne Antwort geblieben waren, folgte dem Unmut bald tiefe Bestürzung.

Nach dem ersten großen Schock musste man sich mit der Situation arrangieren. Und das so schnell wie möglich. Die für die Reise geplanten Vorräte gingen bald zu Neige und so lenkte man das Schiff irgendwann mit wenig Hoffnung zurück zum ehemaligen Festland.

Da wo einmal die Küstenlinie gewesen war schwammen zwischen zahllosen Trümmern verzweifelte Menschen und Tiere auf treibenden Holzteilen. Die Tiere nahm man an Bord, sofern es Nutzvieh war. Jeder unnütze Esser wurde gnadenlos zurückgelassen. Damit lag dem harten Regiment der Kommandobrücke nicht allein Willkür zugrunde, sondern ein Konzept, dass das Überleben sichern sollte. Um eine Meuterei zu verhindern hatte die Brücke schnell gehandelt und sich vom Rest des Schiffes abgeriegelt. Einige der Passagiere versuchten panisch Ertrinkenden an Bord zu helfen in dem sie Laken von der Bordwand hinunter ins Wasser gleiten ließen. Den Menschen im Meer aber reichte die Kraft längst nicht mehr um daran hochzuklettern.

In den ersten Jahren kamen noch regelmäßig Babys zur Welt. Ein paar starben an mangelnder medizinischer Versorgung, ebenso einige Mütter. Schnell aber wurde klar, dass man auch das Problem der Fortpflanzung in den Griff bekommen musste. Der Mangel an Verhütungsmitteln erforderte radikale Gesetze. Männer und Frauen wurden fortan streng getrennt, jeder sexuelle Kontakt unter Strafe gestellt. Wie in einem Wolfsrudel wurde die gezielte Fortpflanzung zum Privileg der Kommandobrücke. Die sexuelle Frustration führte sehr bald zu Protesten an Bord, die man mit harter körperlicher Züchtigung zu unterdrücken versuchte. Tatsächlich etablierte sich im Laufe der Jahre eine Moral, die jeden körperlichen Kontakt als unaussprechliche Unerhörtheit akzeptierte. Neue Lebensumstände erfordern nun einmal neue Verordnungen und neue Wertmaßstäbe.

Hätte sie nur einen Vertrauten...

Sie stand am Fenster der winzigen Kajüte, die ihr zugewiesen war. Jeder erhielt nur eine Kabine für sich allein. Doppelbelegungen gab es nicht, obwohl mache Kabinen das aufgrund ihrer Größe durchaus zugelassen hätten. So konnte man unkontrollierte Gespräche und Vertraulichkeiten unter der Besatzung am Besten vermeiden. In allen Arbeitspausen und während der Nachtruhe von 22:00 Uhr bis 6:00 Uhr bestand strenger Kabinenarrest für jeden an Bord. Wie ein Tier wartete sie nun auf den nächsten Einsatz um drei Uhr nachmittags und versuchte mit den rudimentären Sprachfetzten, die ihr noch geblieben waren ihren Gedanken in irgendeiner Form Ausdruck zu geben.

Sie verstand die widerstreitenden Gefühle in ihrem Innern nicht. Sie war nun 19 Jahre alt und hielt sich für unheilbar krank. Hätte es wenigstens einen Vertrauten gegeben, den sie hätte fragen können. Aber weder die eigene Mutter noch Gleichaltrige durften mit diesen Fragen behelligt werden. Zu groß war die Gefahr aufzufallen und möglicherweise verraten zu werden.
Sie fuhr mit beiden Händen über den glatten Stoff ihrer Bluse, fühlte die prallen, jugendlichen Brüste und erbebte als die Fingerspitzen die steifen Warzen streichelten. Sie presste das Gesicht an das kühle Glas und sehnte sich danach auf ihrer Haut die warme Haut des Mannes zu spüren, der zur gleichen Zeit oben in der Gärtnerei das junge Gemüse versorgte. Was für eine geheimnisvolle Krankheit war das, an der sie litt?

Es war ihre Aufgabe das Gemüse abzuholen, in Kisten zu verpacken und dann in die Bordküche zu transportieren. Noch eine Viertelstunde, dann musst du sie los. Ihr graute davor und zugleich freute sie sich unbändig darauf, ihn wieder zu sehen. Sie schloss die Augen und dachte an seinen Körper, beziehungsweise an das, was sie unter seiner Arbeitskleidung vermutete. Sie hatte seinen Muskelspiel beobachtet, wenn er arbeitete. Sie kannte die kraftvolle Bewegung seiner Oberarme, seiner schlanken Hände mit den langen Fingern und wünschte sich diese Arme würden Sie halten, festhalten und niemals wieder loslassen.

Sie fragte sich aus welchem Grund es wohl diese zwei verschiedenen Sorten von Menschen an Bord gab. Die einen mit den helleren Stimmen, dem zarteren Körperbau und den anmutigen Rundungen, zu denen sie selbst gehörte und die anderen, kraftvollen mit den kantigen, muskulösen Körpern, die sie so unwiderstehlich anziehend fand.

Es wurde Zeit, sie löste sich von ihren Träumen und zog das verschlissene Hemd und die löchrige Jeans zurecht. Es gab kaum Schneider an Bord und zu wenig brauchbare Stoffe. In den vergangenen Jahren waren alle Vorhänge der einstmals schicken Salons im Inneren des Schiffes zu Kleidung und Decken verarbeitet worden. Nur selten gingen Abfälle wie unbrauchbar gewordene Kleider oder Geräte über Bord. Selbst kaputt und zerschlissen fand sich meistens noch irgendeine Nutzung für eine Weiterverwendung.

Mit beiden Händen strich sie sich die strähnigen, langen Haare aus dem Gesicht hinter die Ohren. Sie hatte nicht die mindeste Vorstellung davon, wie erotisierend sie selbst in diesen Lumpen wirkte, die an den entscheidenden Stellen ihre frische Haut durchblitzen ließ und den zotteligen Haaren, die ihr unschuldiges Gesicht einrahmen wie ein Gemälde. In wenigen Jahren schon würde das anders sein. Ihre Haut würde vorzeitig vertrocknen wie die ihrer Mutter und all der anderen Menschen hier. Das Salzwasser des Meeres mit dem sie sich wuschen machte die Haut auf Dauer spröde und rissig. Bei vielen blutete sie sogar. Dann nisteten sich Erreger ein und verursachten Entzündungen, die nie mehr heilten.

Niemand an Bord hatte ihr jemals Anlass dazu gegeben, sich selbst hübsch zu finden. Die Alten trugen zwangsweise Scheuklappen und die Jungen stecken fest im Korsett reglementierter Wertmaßstäbe. Für sie selbst gab es einige Männer an Bord, die sie sehr attraktiv fand. Diese Empfindung war ihr unheimlich und sie schämte sich dafür. Sie machte ihr sogar Angst! Ob es anderen auch so ging? Sie wagte nicht zu fragen.

Sie ging den schmuddeligen Gang entlang, an den sich Kabine für Kabine reihte und stieg am Ende die ausgetretenen Lochblechstufen bis ins Gartendeck hinauf. Sie kannte die Flure, die Decks, alle Salons und Kabinen und jeden Menschen hier. Jeden Winkel, jede kleinste Ecke, jede Neuigkeit (von denen es naturgemäß nicht viele an Bord gab) und jeden Tratsch. Die einzig unbekannte Zone war und blieb das geheimnisvolle Leben ganz oben in der Kommandozentrale. Wer hier lebte, der schottete sich ab vom Rest des Schiffes. Niemand der Besatzung wusste, wie viele Personen die Kommandozentrale zählte und was sie dort machten. In manchen stillen Nächten, wenn die See ruhig war und kaum Wellengang hatte, hörte man für kurze Momente leise Musik und Lachen aus dem Oberdeck.

Von hier stammten auch die wenigen Babys, deren Geburt dann einen Tag lang ausgiebig gefeiert wurde. Selbst die, die nicht mitzählten wussten dann, dass seit der Geburt des letzten Kindes zehn Personen gestorben oder über Bord gegangen waren und das bedeutete gleichsam eine kurze Verlangsamung der sich stetig verschlechternden Lebensbedingungen. Der alte 85/2010 ergriff dann seine schäbige, dreiseitige Gitarre und sang und schrammelte, was das Zeug hielt. Manche sangen sogar mit und tanzten dazu.

So viel Emotion war in der Kommandozentrale nicht gern gesehen. Emotionen führten zu Ungehorsam und Widerstand. Anlässlich der seltenen Geburten aber ließ man sie wohldosiert zu. Sie gaben den Menschen die Möglichkeit Spannungen abzubauen und auch das tat der Gemeinschaft gut und hielt sie unter Kontrolle.

Optimale Kontrolle und einen sachlichen, gefühlsreduzierten Umgang untereinander garantierte auch die Abschaffung individueller Namen. Durch den Ersatz von Namen durch Zahlen, die sich aus den fortlaufenden Ziffern eines Jahrgangs und der dazugehörigen Jahreszahl der Geburt ergaben, wurden die meisten Menschen hier selbst zu Nummern. Mit dem Wandel der Generationen wurde kein Wert mehr darauf gelegt, Lesen und Schreiben zu erlernen. Die Kenntnis der eigenen Nummer genügte. Mathematische Zahlen bedeuteten nüchterne Sachlichkeit, die Kenntnis der Schrift aber beinhaltete die Fähigkeit Emotionen auszudrücken und weiterzugeben und war deshalb zunächst unerwünscht und später wie auch jede Konversation, die über den reinen Austausch von nötigen Informationen hinausging, verboten.

Sie versuchte ihre Vorfreude zu beherrschen und nicht zu eilig die Treppe hinauf zu rennen um so früh wie möglich in die Gärtnerei zu kommen. Hier würde sie 18/2051 treffen der für die Vermehrung von Ablegern und Stecklingen zuständig war. Zu gerne würde sie erfahren, wie er dieses Wunder vollbrachte, aber sie wusste, dass jede Frage danach eines Antrags an die Kommandozentrale bedurfte. So stand sie Tag für Tag wartend am Ende des ausgebauten Wintergartens des Luxusliners und hoffte, 18/2051 würde langsamer arbeiten und ihr damit Zeit geben, ihn zu beobachten und sich an seinem Anblick zu ergötzen.

Seit ein paar Wochen erschien es ihr tatsächlich so, dass er jedes Mal ein wenig länger brauchte, bis das Gemüse in Kisten verpackt und ihr übergeben wurde. War das ihre Wunschvorstellung, oder stimmte das tatsächlich? Irgendwann fing sie an die Zeit zu kontrollieren und ein Blick auf ihre Armbanduhr gab dir schließlich recht: seit Beginn ihrer Zeitmessung brauchte er ganze 5 Minuten länger! Zu gerne hätte sie sich dem aufgeregten Hüpfen ihres Herzens hingegeben. Zu gerne hätte sie ihn wissen lassen, was sie empfand. Zu gerne hätte sie ihn berührt, gestreichelt, geküsst... Verstohlen beobachtete sie die Beule in seiner Hose zwischen seinen Beinen. Die war neugierig und hätte zu gerne gewusst, was er und die vielen anderen Männer dort eigentlich verbargen. Es erregte sie und sie konnte sich die Reaktion ihres Körpers auf diesen Anblick nicht erklären.

Vor Sehnsucht krank – war das die Liebe?

Die Fantasie ihres Körpers schien keine Grenzen zu kennen und übernahm schließlich ihr Denken. Diese möglicherweise ansteckende Krankheit aber musste sie unter allen Umständen für sich behalten. Sie allein musste mit diesem Dilemma fertig werden.

Ihr Gemütszustand schärfte ihre Sinne ohne dass sie sich dessen bewusst war. Aus dem anfänglichen Beobachten war im Laufe der Zeit ein scharfes Abschätzen seiner Mimik und Gestik geworden. Instinktiv erfasste sie sein Interesse an ihr und konnte es sich doch nicht erklären.
Schließlich erhob er sich, packte die Kiste so das die Muskeln seiner Arme sich anspannten und Schritt auf sie zu. Sie streckte die Arme aus und übernahm. Nur einen winzigen Moment, den Bruchteil einer Sekunde verzögerte sich diese Übergabe.

Die harmlose Unverfänglichkeit war dahin. Er hätte die Kiste längst loslassen können. Er tat es nicht. Sie erhob den Blick. Erstaunt und aufs Äußerste erregt. Sie sah in seine Augen. Sie waren braun. Dunkelbraun, wie ihre eigenen. Niemals zuvor hatte sie sich Gedanken um die Augenfarbe ihrer Mitmenschen gemacht, sie nicht einmal wahrgenommen. Was geschah mit ihr? Das Gefühl, dass sie nun völlig übermannte war stärker als die Angst vor Entdeckung. Es war so kostbar, zu wunderbar, zu einzigartig um ignoriert zu werden. Ging es ihm ebenso?

Der Zeigefinger seiner Hand berührte die ihre. Das war kein Zufall. Das war Absicht. Versteckte, gut verborgene Absicht. Sie sollte es bemerken. Sie und nur sie. Sie verstand. In diesem Augenblick hatte sie einen Verbündeten gefunden. Einen Verbündeten, der dachte und fühlte wie sie. Sie war nicht mehr allein. Sie fühlte sich trotz der aufflammenden Freude plötzlich unendlich schwach und schutzlos. Der Boden wankte unter ihren Füßen – der Augenblick war zu unerwartet großartig als dass sie ihn noch länger hätte ertragen können.

Sie fasste die Kiste fest, drehte sich herum und stürzte die Treppen hinunter zur Küche. Dass ein unendlich erleichtertes Lächeln über sein Gesicht huschte und ein schlecht unterdrückter Seufzer seine Lippen verließ, konnte sie nicht mehr bemerken.

Zum allerersten Mal freute sie sich auf das eingesperrt sein während der Nachtruhe. Sie freute sich darauf, ihren Gedanken unbeobachtet freien Lauf lassen zu können, sie genießen zu können wie ein kostbares Glas Wein und sich daran zu berauschen und wusste doch nicht, wie Sie zukünftig damit umzugehen hätte.

Ich liebe dich“, murmelte sie

Sie vergrub sich unter der muffigen Decke und ließ ihren Gedanken und ihrer Fantasie, die ihr Körper ausleben wollte, ausleben musste, freien Lauf. Zuerst überraschte es sie. Scham und Angst gewannen für einen winzigen Moment wieder die Oberhand über ihr Glück. Dann aber gab sie sich ganz der Führung ihrer unterdrückten Natur hin. Ihre Finger wanderten unter den schäbigen Stoff ihres Shirts. Ihre Hände waren warm und dennoch bekam sie eine Gänsehaut als wäre es plötzlich kalt geworden in der stickigen Kabine. Sie zog die Decke fester um ihren Körper.

Es waren seine Hände, die Hände eines Mannes, den sie liebte und dem sie sich so gerne hingegeben hätte. Seine Hände fassten sie männlich, hart und doch unendlich zärtlich an. Berührten ihr Gesicht, den Mund. Ein Finger fuhr zwischen ihre Lippen und spreizten sie behutsam. Mit der Zunge schnappte sie nach seiner Fingerspitze, begann daran zu lutschen, erst vorsichtig, dann wilder bis sie eine instinktive Ahnung davon bekam, was sich da in den Hosen der Männer verbarg. Sie fasste den Finger und führte ihn tiefer in die verborgenen Zonen ihres Körpers. Er half ihr sich selbst zu erkunden, sich selbst zu verstehen, die Krankheit zu heilen, an der sie so schmerzlich litt.

Seine Finger streichelten über ihre Schultern, über den flachen Bauch, wanderten wieder hinauf zu ihren Brüsten. Die Berührung fuhr ihr wie ein elektrischer Schlag durch den Körper, brachte das Blut in Wallung wie die stürmische See draußen. Peitschte es auf zu hohen Wellen für die die Begrenzung ihrer äußeren Hülle fast zu eng war. Ihre Erregung wollte sich Bahn brechen, überschlug sich am Strand. Gischt spritzte über die felsigen Ufer, leckte an der algenbewachsenen Böschung und zerstob als feiner Nebel im Rauschen der Brandung.

Sie lag im weichen, warmen Sand. An den Strand gespült von den Wellen ihrer Lust. Der salzige Duft des Meeres betörte und berauschte sie. Sie lies sich zurück in die warmen Fluten fallen, tauchte mit ihm ab in dunkle Grotten und befreundete sich mit den Geschöpfen der Tiefsee. Mit Riesenaalen und achtarmigen Kraken, die sie fest umschlangen, die die roten Abdrücke ihrer Saugnäpfe auf ihrer heißen Haut hinterließen und mit flinken, feuchten Zungen die Öffnungen ihres Körpers untersuchten.

Ein Schwarm kleiner Fische tanzte im flirrenden Sonnenlicht gegen die Wasseroberfläche vor ihren Augen. Silberblau, metallisch glänzten ihre schlanken, stromlinienförmigen Leiber im Gegenlicht während sie sich im Rhythmus des Wassers hin und her bewegten, sich von Ebbe und Flut treiben ließen bis von tief unten aus dem dunklen, unergründlichen Blau ein Hai herauf stieß und sie vertrieb. Luftblasen kitzelten auf ihrer salzigen Haut als der Schwarm blindlings auseinanderstob. Hart rammte der Hai seinen Kopf in ihren Meerjungfrauenleib. Einmal und gleich noch einmal als er keinen Widerstand spürte. Sie stemmte sich ihm entgegen, um nicht durchs Wasser getrieben zu werden und die Stöße aufnehmen und genießen zu können.

„Ich liebe dich“, murmelte sie. Leise stöhnend kamen die Worte über ihre Lippen. Worte, die sie nie gehört und nie gesagt hatte und dennoch kannte. Der Hai erwiderte sie mit sandiger Stimme. Schon als er sie fraß erstickten die Worte zwischen seinen spitzen Zähnen, bahnten sich ihren Weg durch ihr blutendes Fleisch und flossen in roten Rinnsalen über ihren Körper. Sie rieb sich an seiner rauen Haut während sie sich willig von ihm nehmen ließ. Alle Schalen, alle Becken der unentdeckten Gewölbe in ihrem Innern füllten sich mit Wasser bis sie ekstatisch überliefen und weißlicher Meerschaum zwischen ihren Schenkeln auf das Laken tropfte.

Ein rosiger Streifen am Horizont

Der Morgen kam und die See wurde still. Die Dämmerung schlich langsam und beinahe unmerklich in die kleine Kabine und auf die schmale, harte Pritsche auf der sie wohlig erschöpft lag. Die frühe Sonne zauberte ein glückseliges Lächeln auf ihr Gesicht. Sie erhob sich und blickte vom Bett aus durch das Bullauge hinaus auf die endlose Weite der See.

Am Horizont erblickte sie einen schmalen, rosigen Streifen. In seinem Dunst zeichnete sich ein zweiter, klarer definierter, dünner Streifen ab. Dunkler als der Himmel und dunkler als das Wasser des Meeres. Irritiert sprang sie auf und beschattete die Augen um im Gegenlicht der aufgehenden Sonne besser sehen zu können. Der Streifen wurde deutlicher. Zacken zeigten sich auf der Oberseite und Erhebungen, Bäume, bewaldete Hügel und Buchten.

Eine längst vergessen geglaubte Erinnerung explodierte in ihrem Kopf und in ihrer Brust. So war es gewesen lange bevor sie dieses Schiff betreten hatte. Als es noch Leben, Liebe und Leidenschaft gegeben hatte.

Es war Land in Sicht!

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